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Themenwoche Armut (5) - aus Garrel

Stiftung „Lüttke Lüe“ in Garrel: Wie ein Dorf gegen Kinderarmut kämpft

  • Mit dem Projekt „Lüttke Lüe“ (hochdeutsch: „Kleine Leute“) helfen Bürger in Garrel (Kreis Cloppenburg) seit 14 Jahren Kindern aus finanzschwachen Familien im Ort.
  • Insgesamt sind dabei schon rund 400.000 Euro zusammengekommen.
  • Vor allen Dingen Kindergärten und Schulen helfen dabei, dass die Hilfen die Richtigen erreicht.
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Die Erzieherinnen bekommen hautnah mit, wenn es in einer Familie schwierig wird. Zum Beispiel in der Krippe bei den Kleinsten des Garreler St.-Johannes-Kindergartens. „Etwa, wenn Familien das Geld für Windeln oder Pflegemittel fehlt.“

Das 24-köpfige Team um Veronika Schönrock hat solche Situationen öfter mal vor Augen, auch die Eltern, die sich vergeblich mühen. „Es gibt Familien, die viel arbeiten, die ihre Kinder deshalb früh morgens in der Krippe abgeben müssen, die aber trotzdem nicht über die Runden kommen“, sagt die Leiterin der größten Ganztags-Kita in der 15.500 Einwohner zählenden Gemeinde im nördlichen Kreis Cloppenburg.

Wenn alles andere ausgeschöpft ist

Veronika Schönrock und ihre Kolleginnen versuchen dann zu helfen. Zuerst mit Beratungsgesprächen oder mit Hinweisen darauf, wo Familien staatliche Unterstützung beantragen können, zum Beispiel Wohngeld oder Jugendhilfe. Wegen der Sprache ist das oft schwierig. Über die Hälfte der Kinder stammt aus zugezogenen Familien aus Osteuropa. Viele Eltern verdienen ihr Geld in der Schlachtindustrie oder der Landwirtschaft. „Und wir können ja nicht alle rumänisch oder bulgarisch“, sagt Veronika Schönrock.

Und wenn alles ausgeschöpft ist und es trotzdem nicht reicht? „Wenn alles abgehakt ist, bleibt uns in Garrel immer noch ,Lüttke Lüe‘“, sagt Veronika Schönrock und klingt dabei, als würde sie „glücklicherweise“ sagen.

Hubert Looschen gab den Anstoß

„Lüttke Lüe“, auf Hochdeutsch. „Kleine Leute“, ist eine katholische Bürgerstiftung, die finanziell schwachen Familien mit Kindern in der Gemeinde Garrel seit 14 Jahren zu helfen versucht, schnell und unbürokratisch. In Kindergärten genauso wie in Schulen. Mal übernimmt die Stiftung den Elternbeitrag fürs Frühstück und Mittagessen in der Kita, mal geht es um Kosten für Ausflüge oder die Anschaffung von Schulranzen oder eine Erstausstattung für die anstehende Einschulung.

Hubert Looschen hatte den Anstoß zu der 2008 gegründeten Stiftung gegeben. Dem Leiter der Haupt– und Realschule Garrel waren auf den Schulfluren Kinder begegnet, die eigentlich lieber in der Schulkantine gegessen hätten, deren Eltern aber die drei Euro pro Tag zu viel waren. Oder er hörte Klagen über Bauchschmerzen, obwohl eigentlich das Geld für das Schwimm- und Sportzeug fehlte.

Teilhabe für alle Kinder ist das Ziel

Im Jahr der Gründung von Lüttke Lüe empfing Kanzlerin Angela Merkel eine Abordnung von „Lüttke Lüe“. Rechts neben Angela Merkel zu sehen ist Gründer Diakon Hubert Looschen. | Foto: privat
Im Jahr der Gründung von „Lüttke Lüe“ empfing Kanzlerin Angela Merkel eine Abordnung der Bürgerstiftung. Rechts neben Angela Merkel zu sehen ist Gründer Diakon Hubert Looschen. | Foto: privat

Der Ständige Diakon wollte etwas tun. Und fand schnell Unterstützer: bei Lehrern der Garreler Grundschulen ebenso wie bei Erzieherinnen in Kindergärten. Bei Leuten, die wie er Kinder in kaputten Hosen oder mit leeren Butterbrotdosen von Berufs wegen täglich sahen. Ihnen gibt die Stiftung seither die Möglichkeit zum Eingreifen.

Auch Nicole Tiedeken weiß diese Option zu schätzen. Die Leiterin der Katholischen Grundschule Garrel erlebt immer mal wieder, dass Eltern das Geld knapp wird. „Zum Beispiel bei unseren Klassenfahrten.“ Einige gehen über mehrere Tage, kosten schnell mal 100 bis 200 Euro pro Kind. „Wenn wir im Vorfeld mitbekommen, dass Eltern mit den Kosten überfordert sind, zum Beispiel, wenn sie anfragen, ob sie das in Raten bezahlen können, können wir schnell und unbürokratisch Hilfe von ,Lüttke Lüe‘ vermitteln.“

Ersatz für kaputte Schultasche

Oder, wie kürzlich noch, wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt. „Einem Kind war die Schultasche kaputtgegangen, mitten im Schuljahr. Und das Geld für einen Ersatz war gerade nicht da.“ Für solche Fälle gibt es keinen anderen Fördertopf. „Aber über die Stiftung konnten wir einen Ersatz besorgen.“

Das Stiftungsziel lautet: Alle Kinder und Jugendlichen der Gemeinde Garrel sollen an allen Veranstaltungen von Kindergärten, Schulen oder Vereinen teilnehmen können. Kein Kind soll aus finanziellen Gründen ausgeschlossen sein. Eine der ersten konkreten Hilfen der Stiftung im Gründungsjahr: Familien mit geringem Einkommen erhielten einen Zuschuss für das Mittagessen in der Haupt- und Realschule Garrel.

Enge Zusammenarbeit mit Erziehern und Lehrern

Die enge Zusammenarbeit mit Pädagogen gehört nach wie vor zum Konzept. Die Grundannahme dabei: Erzieherinnen und Lehrkräfte wissen am besten, wer bedürftig ist. So wird sichergestellt, dass die Hilfen bei den Richtigen ankommen.

Die Lüttke-Lüe-Stiftung wirbt um Geld, organisiert aber auch selbst Aktionen. In diesem Jahr zum Beispiel bereits zum fünften Mal eine Advents-Verlosung. Für die hat die Stiftung diesmal Preise im Gesamtwert von 15.000 Euro aus dem Ort gespendet bekommen.

Herzenssache der Bevölkerung

Das ist ein Beispiel dafür, wie sehr „Lüttke Lüe“ vielen Bewohnern im Ort mittlerweile zur Herzenssache geworden ist. Egal, ob Geschäftsleute, Bürger, Verbände oder Vereine – sie alle sorgen dafür, dass der Stiftung das Geld nicht ausgeht. Ein Friseur gibt zeitweise drei Euro pro Haarschnitt an die Stiftung. Eine Einzelhandelskette spendete fünf Cent pro Schreibwarenartikel. Ein Supermarkt stellte den Erlös einer Tombola zur Verfügung. Die Kolping-Theatergruppe bat bei ihren Aufführungen ebenso um Spenden für „Lüttke Lüe“ wie die Landjugend nach Weihnachten Tannenbäume für die Stiftung einsammelt.

In den ersten zwölf Jahren ihres Bestehens, also bis Ende 2020, hatte die Stiftung so mehr als 400.000 Euro eingenommen. Anfangs standen rund 3.000 Euro jährlich zur Auszahlung zur Verfügung. Entweder als Zinsertrag aus dem Kapitalstock der Stiftung oder als Spende. Mittlerweile sind es fast 20.000 Euro im Jahr.

Projekt gegen verborgene Armut

Manfred Nienaber ist seit 2020 Vorsitzender des Kuratoriums von „Lüttke Lüe“. | Foto: Hubert Looschen
Manfred Nienaber ist seit 2020 Vorsitzender des Kuratoriums von „Lüttke Lüe“. | Foto: Hubert Looschen

„Ich bin überrascht, wie groß die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung weiterhin ist“, sagt Manfred Nienaber. Er ist Lehrer an der bischöflichen Marien-Oberschule in Cloppenburg und hat Hubert Looschen vor einem Jahr als Kuratoriumsvorsitzenden abgelöst. Und auch er sieht, wie sich Garrel in den vergangenen Jahren verändert hat: „Die Bevölkerungsstruktur hat sich geändert, zum Beispiel durch den Zuzug von Schlachtarbeitern. Das verändert eine Gemeinde natürlich.“

Das mache eine Stiftung wie „Lüttke Lüe“ noch wichtiger: „Wir haben zwar ein gutes Netz öffentlicher Versorgung. Aber es gibt immer welche, die da durchs Netz fallen. Ich glaube, dass da noch vieles im Argen, im Verborgenen liegt, von dem wir noch gar nicht so viel wissen. Und da heranzukommen ist nicht so einfach.“

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