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Themenwoche Armut (1) - aus Südoldenburg

Unterschätztes Phänomen: Arme Kinder im reichen Südoldenburg

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Nahezu Vollbeschäftigung, schmucke Einfamilienhaus-Siedlungen und immer noch Wachstumspotenzial. Alles super – so scheint es. Dennoch zeigt Dietmar Fangmann, Referent für Sozialberatung beim Landes-Caritasverband in Vechta, einen blinden Fleck: Kinder, die in Armut leben. Von denen gebe es gerade in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta unerwartet viele. Und er warnt vor den Folgen.

Herr Fangmann, bei uns muss niemand verhungern oder erfrieren. Gibt es überhaupt Kinderarmut in Deutschland?

Kinderarmut bedeutet nicht: keine Wohnung, keine Kleidung, nichts zu essen, kein Arzt – das haben wir hier eher selten. Dennoch gibt es in einigen Regionen sehr viele Kinder, die von Armut betroffen sind und unter einer sogenannten relativen Armut leiden.

Was bedeutet „relative Armut“ von Kindern?

Das bedeutet: Sie haben ein Dach über dem Kopf und haben auch genug zu essen – wenn auch nicht unbedingt ausgewogene und gesunde Ernährung. Die Kinder können sich Dinge nicht leisten, die für andere selbstverständlich sind. Kinobesuche, Restaurant, Urlaub, bestimmte Sportarten. Sie können nicht teilhaben und sind benachteiligt und ausgeschlossen.

Wie groß ist dieses Phänomen im Oldenburger Land?

Laut Statistik vom Juni 2021 leben hier 26.416 Kinder in Bedarfsgemeinschaften. Das bedeutet: Sie sind von Hartz IV mindestens ergänzend abhängig. Das Einkommen der Eltern reicht nicht aus, weil sie arbeitslos oder sogenannte Aufstocker sind. In der Stadt Wilhelmshaven betrifft das fast jedes dritte Kind, ähnlich in Delmenhorst. Aber auch in den vermeintlich gut laufenden Landkreisen Vechta (2731 Kinder) und Cloppenburg (3005) sind es nahezu 10 Prozent. Und das sind nur die, die in der Statistik auftauchen. Dazu kommen die, die gerade so eben knapp über den Bedarfsgrenzen liegen. Die werden oft übersehen, weil sie nicht statistisch erfassbar sind.

Niedrige Arbeitslosigkeit und dennoch so viele Kinder in Hartz-IV-Familien – wie passt das zusammen?

Es liegt an der hohen Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse, gerade in Südoldenburg. Wo Menschen mit ihrem Lohn nicht genug verdienen, um nicht angewiesen zu sein auf staatliche Leistungen. Dennoch tauchen sie in der Arbeitslosen-Statistik nicht auf. So ist dieses Missverhältnis zu erklären.

Ist das den Menschen in der Region bewusst?

Ich glaube nicht, dass der wohlhabendere Teil der Bevölkerung solche Zusammenhänge wirklich kennt. Egal, wen man anspricht – alle sagen: Das hätte ich nicht gedacht. Wo sind diese Kinder? Daran sieht man: Es ist so etwas wie eine Schattengesellschaft, die nicht so wahrgenommen wird und letztendlich von der Bevölkerung nicht so gesehen wird, wie sie gesehen werden müsste. Dabei gibt es diese Kinder. Sie leben mitten unter uns.

Was trägt noch zu dieser Blindheit bei?

Dass es Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen betrifft, oft in der Landwirtschaft oder in der fleischverarbeitenden Industrie. Sie sind oft sowieso schon nicht so integriert. Wer arbeitet denn dort? Migrantinnen und Migranten, die wir als Gesellschaft nicht auf dem Schirm haben. Oft sind sie nicht gering qualifiziert, aber ihre Qualifikation wird hier gerade nicht gesucht. Aber sie tauchen in den Statistiken auf. Und mehr und mehr von ihnen bringen mittlerweile ihre Kinder mit.

Was macht die Situation mit diesen Kindern?

Neben den Folgen schlechter Ernährung führt sie häufig zu Isolation und Ausgrenzung. Kinder nehmen das nämlich sehr wohl wahr: dass andere in ihrem Umfeld oder ihrer Klasse ein ganz anderes Leben führen. Sie bekommen Tag für Tag vor Augen geführt, dass sie sich Dinge nicht leisten können, die für andere Kinder normal sind. Stichwort Kinobesuch oder manche Sportarten. Auch wenn viele Vereine hier Vorbildliches leisten. Aber manches bleibt eben exklusiv für Besserverdienende.

Ist der Caritas die Lage dieser Kinder bewusst?

Wir als Caritas nehmen sie sehr wohl wahr. Sie tauchen in unseren Beratungsstellen auf. Meist nicht unmittelbar, aber über ihre Eltern: in der Sozialberatung, Schuldnerberatung.

Und in Schulen und Kindergärten.

Ja, aber nicht überall gleich.

Was meinen sie damit?

Wir haben dabei einmal nachgerechnet: Was kostet eigentlich ein Schulbesuch. Und dabei festgestellt: Es hängt wesentlich auch davon ab, wo sich die Schule befindet. Ein Schulbesuch in Wilhelmshaven ist deutlich günstiger als in Vechta. Weil wir vermuten: Lehrer, die in einem Umfeld unterrichten, wo sie wissen, dass Eltern nicht in der Lage sind, einen bestimmten Füller zu bezahlen, den gar nicht erst einfordern. Wenn in einer Stadt viele Kinder von Armut betroffen sind, sind Schulen auch armutssensibler. Wenn ich in einer Region mit einer Armutsquote von 33 Prozent lebe, falle ich gar nicht so auf.

Das bedeutet, dass es arme Kinder in vermeintlich reichen Regionen schwerer haben?

Genau. Wenn ich in Vechta oder Cloppenburg nicht mit Markenklamotten komme, ist der Grad der Stigmatisierung viel höher. Zudem ist es so, dass ein Gymnasialbesuch ein Vielfaches von dem auf einer anderen Schule kostet.

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