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Ökumenische Friedensvesper am 24. Oktober in Münster

Was können die Kirchen zum Frieden beitragen, Herr Henze?

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Am Montag, 24. Oktober, laden die Kirchen in Münster um 18 Uhr zur ökumenischen Friedensvesper in die St.-Lamberti-Kirche am Prinzipalmarkt ein. Der Gottesdienst erinnert an den Westfälischen Frieden von 1648 in Münster. Die Kanzelrede hält Arnd Henze. Der Theologe gehört der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland an und ist Fernsehredakteur beim WDR. Die Vesper veranstalten die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Münster, die katholische Pfarrei St. Lamberti und die evangelische Apostel-Kirchengemeinde.

Herr Henze, was bedeutet die Erinnerung an den Westfälischen Frieden angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine?

Der Westfälische Frieden hat Kriege beendet, in denen mehrere Generationen ohne jede Erfahrung von Frieden aufgewachsen sind. Das Morden und Sterben, das Brandschatzen und Vergewaltigen war über Jahrzehnte die furchtbare Normalität, mit der Menschen aufwachsen und Kinder zur Welt bringen mussten.

Wir müssen heute alles tun, dass wir uns in Europa nicht erneut in einer Welt einrichten, in der Frieden auf Jahrzehnte undenkbar erscheint und unsere Kinder und Enkel mit der permanenten Angst vor einem nuklearen Krieg aufwachsen müssen. Aber genau deshalb ist es so wichtig, einer zentralen Einsicht von Osnabrück und Münster wieder Geltung zu verschaffen – dass Grenzen niemals mit Gewalt verschoben werden dürfen.

Darin liegt die große Herausforderung: Auf der einen Seite diese unverzichtbare Firewall wieder zu errichten und der Ukraine deshalb alle Unterstützung zu geben, ihre Souveränität gegen einen Aggressor zu verteidigen. Und gleichzeitig müssen wir es schaffen, die Zukunft Europas nicht nur als eine Neuauflage des Kalten Krieges zu denken – nur diesmal noch unendlich fragiler und gefährlicher als im vorigen Jahrhundert.

Dass dafür im Moment niemand eine umfassende Formel hat, sollte kein Argument sein, nicht schon heute damit zu beginnen, danach zu suchen. Auch das komplexe Gerüst des Westfälischen Friedens ist nicht über Nacht entstanden. Da haben kluge Menschen schon lange vor 1648 Ideen entwickelt und einen sehr langen Atem gebraucht.

Sie sprechen in Münster über friedensethische Gedanken des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, den die Nationalsozialisten ermordeten. Was hat Bonhoeffer uns in der aktuellen Lage zu sagen?

Bonhoeffer hat keine allgemeingültige Friedensethik entwickelt. Seine berühmte Rede in Fanö 1934 lese ich als dringliche Warnung an den Westen vor der Illusion, mit Nazi-Deutschland zu irgendwelchen Deals zu kommen – um damit vermeintlich die Sicherheit in Europa zu festigen oder möglicherweise ein Bollwerk gegen die Sowjetunion zu schaffen. Bonhoeffer hatte damals schon als einer der wenigen erkannt, dass Hitlers Kurs zielstrebig auf einen Krieg zulief. Seine Antwort darauf war 1934 eine pazifistische. 1938 hat er dann nicht den Weg des Appeasements unterstützt, sondern selbst bereits eine Verbindung zum Widerstand geknüpft.

Was wir von Bonhoeffer lernen können, ist die Freiheit, sich von der Realität erschüttern und herausfordern zu lassen – und dann in dieser Realität Verantwortung und damit notwendigerweise auch Schuld zu übernehmen. In diesem Sinn brauchen wir heute mehr Bonhoeffer – und weniger das Klammern an alte oder noch ältere Gewissheiten.

Der Krieg hat in Westeuropa zu Aufrüstung geführt, auch die Kirchen tragen die Lieferung von Waffen an die Ukraine mit, Friedensbewegungen scheinen sich beinahe rechtfertigen zu müssen. Welche Perspektive hat Ihrer Ansicht nach die kirchliche Friedensarbeit?

Was ist falsch daran, wenn wir uns zu den unterschiedlichen Positionen und Überzeugungen gegenseitig kritische Fragen stellen? Ich bin selbst in der Friedensbewegung der 1980er Jahre an prägender Stelle aktiv gewesen. Aber spätestens der Völkermord in Ruanda 1994 hat manche meiner pazifistischen Überzeugungen grundlegend erschüttert. Und jede neue Auseinandersetzung mit der Realität von Kriegen und Konflikten bedeutet für mich eine neue Erschütterung.

Ich hätte mir schon in früheren Jahren gewünscht, dass die Kirchen noch viel stärker Orte schaffen, an denen wir über solche friedensethischen Fragen reden, einander harte Fragen stellen und wo nötig streiten – aber gerade damit auch für die gesamte Gesellschaft ein Angebot schaffen. Denn es geht doch um immer neue Abwägungen, bei denen es kein einfaches Richtig oder Falsch gibt – die Waagschalen sind auf beiden Seiten bleischwer gefüllt.

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