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Aus der Corona-Krise gelernt – Kirche will Weichen neu stellen

Bischof Bode: Das gesamte kirchliche Leben muss neu priorisiert werden

In der Corona-Pandemie kehrt die Kirche allmählich zum „Normalbetrieb“ zurück. Dabei stellen sich viele Bischöfe, Theologen und engagierte Katholiken die Frage, was aus den Erfahrungen der Krise zu lernen sei. Wir fassen zusammen.

Die staatlichen Beschränkungen während der Corona-Pandemie werden zunehmend gelockert oder aufgehoben. Auch die Kirche kehrt allmählich zum „Normalbetrieb“ zurück. Dabei stellen sich viele Bischöfe, Theologen und engagierte Katholiken die Frage, was aus den Erfahrungen der Krise zu lernen sei und welche Weichen für die Zukunft wie gestellt werden sollten.

„Wir müssen Ideen finden, wie man Dinge verändern kann, sie vielleicht verkleinert, andere Akzente setzt oder Kooperationen schließt“, sagt Bischof Franz-Josef Bode (Osnabrück), auch Stellvertretender Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). „Das gesamte kirchliche Leben muss neu priorisiert werden.“ Das Soziale und das Spirituelle hingen eben auch vom Wirtschaftlichen ab.

Auf die Chance einer vor allem auch „spirituellen Revolution“ setzt Bischof Heiner Wilmer (Hildesheim). Die Corona-Pandemie werfe die Fragen auf, was die Relevanz der Kirchen sei und wozu man die Christen überhaupt brauche: „Erst wenn wir uns eingestehen, wie radikal sich die Welt verändert hat, werden wir eine radikale Veränderung unserer Kirche wagen.“

Pastoraltheologe sieht Kirche in einer Zwickmühle

Der Pastoraltheologe Philipp Müller (Mainz) sieht die Kirche in der Corona-Krise in der Zwickmühle. Einerseits müsse wegen sinkender Kirchensteuereinnahmen gespart werden. Andererseits gelte es intensiv darüber nachzudenken, was in der Krise gut und was schlecht gelaufen sei, um die Weichen für die Zukunft richtig stellen zu können, schrieb er für das Internetportal katholisch.de.

Generalvikar Klaus Pfeffer (Essen), der sich immer wieder pointiert zu Wort meldet, wünscht sich eine Aufarbeitung der Erfahrungen innerhalb der Kirche. Die Krise habe ein „extrem ritualisiertes Verständnis von Glaube und Kirche“ offenbart.

„Weder Verteidigungsmodus noch Selbstzerfleischung“

Der Shut-Down habe in mancherlei Hinsicht auch bereichert, meint der Moraltheologe Rupert Scheule (Regensburg). „Kirche ist mehr als Eucharistie. Kirchliche Gemeinschaft geht auch digital. Zumindest irgendwie.“ Auch für die Zukunft brauche es gute Einfälle.

Für eine Bestandsaufnahme die „weder im reinen Verteidigungsmodus erfolgen noch den Charakter der Selbstzerfleischung annehmen“ sollte, plädiert Müller. Nüchtern zu prüfen sei, ob Kirche sich auch und gerade in Corona-Zeiten von „der Trauer und Angst der Menschen“ habe berühren lassen und diese stärken und trösten konnte.

Neue Ideen und kreative Initiativen bei der Rückkehr zur gesellschaftlichen und pastoralen Normalität dürften nicht im Sande verlaufen. Zugleich warnt er davor, aktuelle Herausforderungen zur „pastoralen Chance“ zu verklären. Das berge die Gefahr, so Müller, „die Notsituation von Menschen für eine bessere kirchliche Reputation verzwecken zu wollen - eine Verlockung, der eine durch den Missbrauchsskandal arg ramponierte Kirche keinesfalls erliegen“ sollte.

Erzbischof Becker: Es wird kein 'Weiter so!' geben

Aufgrund der Pandemie, ist Erzbischof Hans-Josef Becker (Paderborn) sicher, „wird es kein 'Weiter so!' geben - in der Gesellschaft nicht, in der Wirtschaft nicht, in der Kirche nicht“. Die Einschränkungen könnten den Blick für den Wert von Religion und öffentlich bezeugtem Glauben schärfen, erklärt Kardinal Reinhard Marx (München), bis März DBK-Vorsitzender. Durch das Bekenntnis zur Wirklichkeit Gottes würden der Alltag durchbrochen und die Dinge der Welt nicht einfach fortgesetzt.

Auch gehe es nicht um Nützlichkeit, Berechnung, persönliches Wohlergehen und Erfolg, sondern um eine neue Welt und eine neue Schöpfung - um die „Notwendigkeit der Unterbrechung“, betont Marx. Wenn die Verwandlung des eigenen Lebens gelinge, wäre das eine wirkliche „produktive Unterbrechung“.

Nach den ersten Lockerungen der Schutzmaßnahmen werde spürbar, die „alte“ Ordnung aus den Zeiten vor Corona gelte nicht mehr so richtig. Ein neuer Weg sei aber noch nicht wirklich gefunden. Die Krise habe „das Leben der Einzelnen und unserer Gesellschaft in mancher Hinsicht unruhiger, unsicherer, ja vielleicht sogar chaotischer“ gemacht.

Wir sind Kirche: Eine andere Welt ist möglich

„Offenbarenden Charakter“ für Kirche und Gesellschaft hat die Pandemie für die Bewegung „Wir sind Kirche“. Krisen und ungerechte Verhältnisse würden erkennbar; soziale und materielle Unterschiede verstärkt. „Vermeintlich unabänderliche Verhältnisse sind jetzt auf einmal veränderbar. Eine andere Welt ist möglich“, heißt es in ihrem Pfingstbrief. Nun komme es auf ein „vorwärts gerichtetes Engagement, einen Paradigmenwechsel“ an. Dies bedeute Herausforderungen, aber auch Chancen für die Kirche.

Mit einem Langstreckenlauf vergleicht Bischof Michael Gerber (Fulda) die Situation in Gesellschaft und Kirche. Es kämen „die Momente, wo es an die Reserven geht“. Christen müssten gerade jetzt „links und rechts schauen, wer auf der Strecke geblieben ist oder wer in Gefahr ist, auf der Strecke zu bleiben“.

Gegen eine nur negative Sicht der corona-bedingten Einschränkungen auch für die Kirche wendet sich Bischof Gerhard Feige (Magdeburg). „Die belastenden Erfahrungen können traurig stimmen, können aber auch dazu anregen, manches tiefer zu bedenken und sich neu zu orientieren.“ Sie sollten zur Reflexion darüber veranlassen, „ob nicht vielleicht auch die Frage nach der Echtheit unseres Glaubens verbindet“.

Bischof Kohlgraf will über Systemrelevanz der Kirche reden

Die Kirche sollte stärker ihre Relevanz für die Gesellschaft herausstellen, rät Bischof Peter Kohlgraf (Mainz). „Was die Systemrelevanz der Kirche und des Evangeliums angeht - darüber sollten wir reden!“

Auf dem Prüfstand sieht Weihbischof Jörg Michael Peters (Trier) das Kirche-Sein. „Wir sollten nicht darauf warten, dass die Vergangenheit zurückkommt, sondern die aktuelle Situation gestalten.“ Die Krise biete Anlass, Kirche „mit neuen Ideen und neuem Mut“ zu denken. Es gelte zu prüfen, was die Kirche auch künftig in geänderter Form anbieten könne.

Overbeck erwartet mehr Anstrengungen in der Ökumene

Die Pandemie sorgt für Bischof Franz Jung (Würzburg) dafür, dass wieder der Wert der Gemeinschaft erkannt werde: „Gläubige vermissen die Gemeinschaft im Gottesdienst: Glauben kann man nicht alleine leben.“

Mehr Anstrengungen in der Ökumene erwartet Bischof Franz-Josef Overbeck (Essen). Gemeinsames Auftreten der Kirchen verschaffe ihnen mehr Glaubwürdigkeit. Zwar könnten sie Unterschiede „in den nächsten Jahren nicht einfach überspringen“, aber sie könnten unterschiedliche Auffassungen nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung zum eigenen Glauben verstehen.

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