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Kommentar von Chefredakteur Markus Nolte

Kirchenaustritte 2020: Jahrhundertgewitter im Anmarsch

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Heute sind die Kirchenaustrittszahlen für 2020 bekanntgegeben worden. Sowohl im Bistum Münster als auch deutschlandweit sind sie gesunken. Ein Grund zum Aufatmen ist das keineswegs. Im Gegenteil, meint Markus Nolte. Da kommt erst noch richtig was auf uns zu.

Nein, das ist kein blaues Auge, mit dem die Kirche davongekommen wäre. Die Kirchenaustrittszahlen 2020 sind so gerade eben kein Rekord, das stimmt. Aber den Rückgang im Vergleich zum Vorjahr zu bejubeln - im Bistum Münster um knapp 4.000, bundesweit um rund 50.000 - dafür gibt es nicht den Hauch eines Anlasses. Es bleibt ein skandalös hohes Niveau, auf dem Menschen ihrer Kirche den Rücken kehren: Mehr als 220.000 waren es deutschlandweit, knapp 13.000 im Bistum Münster.

Zudem dürfte Corona die Zahlen schlichtweg geschönt haben. Denn die Pandemie hat nicht nur Kirchen dicht gemacht, sondern auch die Amtsgerichte, an denen der Kirchenaustritt erklärt werden kann. Der Stau ist inzwischen so lang, dass es auf Wochen keine Termine gibt. Seitdem die Ämter wieder geöffnet haben, wurden mancherorts die Kapazitäten drastisch erhöht. In Köln etwa gibt es inzwischen dreimal so viele Termine wie noch zu Jahresbeginn: 1.800 sind es dort mittlerweile. Im Monat. Weil der "Bedarf" so groß ist. Schlangestehen zum Kirchenaustritt - das fühlt sich an wie "Nichts wie raus hier". Für Münster deuten sich ähnliche Szenarien an.

Abkehr ist längst Abneigung

Wie dramatisch die Lage tatsächlich ist, zeigt sich im Zehn-Jahres-Vergleich. Im "annus horribilis" von 2010, als die ersten großen Missbrauchsenthüllungen in der katholischen Kirche die Menschen erschütterten, traten im Bistum Münster 8.000 Menschen aus. 2020 waren es fast 5.000 mehr - und im dritten Jahr in Folge im fünfstelligen Bereich.

Da geht es längst nicht mehr "nur" um Steuersparen und um irgendeinen letzten Tropfen, der irgendwelche Fässer zum Überlaufen gebracht hätte. Die Abkehr ist längst eine Abneigung. Und eine klare Botschaft: Du, Kirche, hast es noch immer nicht kapiert.

In Köln wird weiter säkularisiert

Da ist es geradezu wohltuend, dass die alljährlichen Plattitüden à la "Jeder Austritt ist ein Austritt zu viel" nicht nur nicht mehr verfangen, sondern dass der Ernst der Lage beim Namen genannt wird. Münsters Bischof Genn warnt klipp und klar davor, sich den leichten Rückgang bei den Austritten "schönzureden". Georg Bätzing spricht für die Deutsche Bischofskonferenz von einer "tiefgreifenden Erschütterung". Eine ganze Reihe von Kreisdechanten im Bistum Münster fleht ihre Kirche geradezu an, endlich Reformen anzupacken. Zeitgemäßer zu sein. Näher bei den Menschen. Aber bei allen. Und wirklich.

In Köln indes spricht ausnahmsweise nicht der Kardinal, das überlässt er seinem Pressesprecher. Die Krise um den Erzbischof nennt der "einen Faktor von vielen, an denen wir arbeiten müssen". Und irgendwie säkularisiert sich ja die Gesellschaft sowieso "weiter und weiter". - Manche wollen einfach nicht verstehen.

Der Druck für Reformen steigt gewaltig

Dabei deutet alles darauf hin, dass die nächsten Zahlen - also jene für 2021 - explodieren werden. Jetzt mag der eine oder andere Verantwortliche noch den Kopf einziehen, leise vor sich hin analysieren und den Sturm über sich wegziehen lassen. Vor dem, was da an Jahrhundertgewitter auf uns zukommt, wird das nicht mehr genügen. Das erhöht gewaltig den Druck auf die diversen synodalen Projekte, allem voran auf den Synodalen Weg.

Wenn es jetzt immer noch nicht gelingt, überzeugt und überzeugend demütig selbstkritische, mutige Schritte zu tiefgreifenden Reformen bis ins Selbstverständnis der Kirche zu gehen, dann steht alles auf dem Spiel. Und damit ist nicht die Kirche gemeint. Sondern die Chance, mit der besten Botschaft dieser Welt möglichst vielen Menschen dabei zu helfen, sinnerfüllt zu leben.

Es wird ein heißer Herbst.

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