Die meisten Theologie-Studierenden wollen an die Schule

Statistik: Zahl der "Volltheologen" bricht dramatisch ein

Die Zahl junger Katholiken, die in Deutschland den Priesterberuf anstreben, sinkt seit Jahrzehnten. Aktuell bereiten sich bundesweit etwa 200 Priesteramtskandidaten auf ihre Weihe vor - ein historischer Tiefststand.

Was sagt das aber über die Zahl der Theologiestudenten insgesamt aus? Statistiken des Statistischen Bundesamtes und der Bischofskonferenz führen zu überraschenden Ergebnissen: Vor gut einem Vierteljahrhundert gab es 19.624 junge Frauen und Männer, die katholische Theologie studierten; nach der Statistik für 2018/19 sind es 18.251. Der Rückgang beträgt auf 25 Jahre betrachtet gerade sieben Prozent - während die Zahl der Kirchenmitglieder in diesem Vierteljahrhundert um etwa 20 Prozent sank.

Die allermeisten katholischen Theologiestudierenden absolvieren indes ein Lehramtsstudium - um später Vater Staat und nicht Mutter Kirche als Dienstherren zu haben. Die angehenden Pädagoginnen und Pädagogen halten die Theologiestudierenden zahlen dauerhaft hoch, während sich die Zahl derer, die in ein Vollstudium katholische Theologie eingeschrieben sind, in dem Vierteljahrhundert halbiert hat. 1993/1994 waren es 4.881. Die Zahl sank auf 2.030 im Wintersemester 2008/2009, um sich seitdem wieder etwas nach oben zu bewegen. 2017/2018 waren es 2.549.

„Kirche als Arbeitgeber - das will so gut wie keiner mehr“

Ernüchternd wirkt die Zahl derer, die das Vollstudium Katholische Theologie abschließen: Sie sank von 706 im Jahr 1993 auf gerade mal 101 im Jahr 2018. Das entspricht einem Rückgang um sechs Siebtel. Bei den 101 mitgezählt sind nicht nur alle künftigen Priester, sondern auch alle, die als Laientheologinnen und -theologen in den 27 Diözesen in der Seelsorge arbeiten können. Es gibt also nicht nur Priestermangel, es gibt, viel grundsätzlicher, Theologenmangel. So stellt sich die Frage, ob die Bischöfe bei ihren Überlegungen zur Änderung der Priesterausbildung nicht viel zu kurz denken, wenn der Anteil der Volltheologen an der Zahl aller Theologiestudenten gerade mal gut ein Zehntel ausmacht.

Der Sozialethiker Bernhard Emunds von der Jesuiten-Hochschule in Frankfurt Sankt Georgen gilt im deutschsprachigen Raum als Experte für statistische Entwicklungen in der katholischen Theologie. Für ihn ist der Befund eindeutig: „Es gibt viele junge Menschen, die sich mit Religion, Theologie und Kirche auseinandersetzen wollen. Das Fach steht nach wie vor hoch im Kurs. Aber die katholische Kirche als Arbeitgeber - das will so gut wie keiner mehr.“

Kein Nachwuchs für theologische Lehrstühle

Für eine so geringe Zahl an Vollstudenten braucht es in Deutschland aber keine knapp 20 voll ausgestatteten Fakultäten mit rund einem Dutzend Professoren. Die Ausbildung von Lehrern kann an kleinen Seminaren mit einer Handvoll Lehrender geschehen. Fächer wie Kirchenrecht, Liturgie und Sozialethik können in diesem Prozess unter die Räder kommen, weil sie nur für angehende Volltheologen notwendig sind. Aber gerade hier sieht Emunds Chancen für einen intensiven Austausch über die Grenzen der Theologie hinweg. Wer fächerübergreifende, offene Ansätze entwickle, sei in anderen Fakultäten als wissenschaftlicher Gesprächspartner oft sehr gefragt.

Hinzu kommt, dass es Fakultäten braucht, um wissenschaftliche Karrieren starten zu können. 2019 gab es laut Statistischem Bundesamt trotz aktuell üppiger personeller Ausstattung gerade mal acht Habilitationen in katholischer Theologie, im Jahr davor waren es neun. Diese Zahlen sind viel zu gering, um die in den kommenden Jahren frei werdenden Lehrstühle zu besetzen. Wer habilitiert ist, wird sich mittelfristig seinen Lehrstuhl aussuchen können - so er oder sie nicht in lehramtliche Konflikte mit der Kirche kommt.

Rahner: Lehramts-Studium nicht abwerten!

Emunds sagt es so: „Schon für die 'Reproduktion' der Theologie als Wissenschaft braucht es ausreichend viele Fakultäten, die den wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden.“ Nicht nur, um die künftige Ausbildung von Lehrern sicherzustellen. „Die Theologie im deutschsprachigen Raum hat so wie die nordamerikanische weltweit eine hohe wissenschaftliche Reputation und Bedeutung“, betont der Sozialethiker. Bistümer aus allen Kontinenten schickten talentierte Theologen zur Fortbildung nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Emunds geht davon aus, dass bei den Fakultäten ein gewisser Konzentrationsprozess notwendig sei, aber „theologische Lehre auf universitärem Niveau sollte nicht weithin auf die Lehrerausbildung zusammengestrichen werden“.

Die Tübinger Professorin und Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages (KThF), Johanna Rahner, sieht die Probleme und wünscht sich ein besseres Standing des Faches. Sie erinnert an die Rolle der Theologie im Verbund der Wissenschaften und betont, viele Forschungsfragen könnten ohne Berücksichtigung von Religion nicht beantwortet werden. Zugleich warnt sie davor, die Staatsexamen-Ausbildung von Lehrern mit dem Wort „nur“ zu verbinden, weil das gegenüber den angehenden Pädagogen abwertend klinge. Lehrer machten für viele Schüler das Thema Religion überhaupt erst relevant.

Für Rahner, die sich für mehr Chancen für Frauen an Universitäten engagieren will, bietet Theologie neben der Ausbildung der Lehrer und des Kirchenpersonals noch andere Möglichkeiten: So könnten weltweit tätige Firmen und Institutionen von interreligiöser und interkultureller Kompetenz der Ausgebildeten profitieren. Theologie ist aktuell ein Fach vieler Möglichkeiten und Probleme.