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Besuch beim Sozialdienst katholischer Frauen in Ibbenbüren

Wie der SkF bei Überschuldung und Altersarmut hilft

Auf einmal hatte Elke Hülsmeyer nicht mehr genug Geld, um Strom und Gas zu bezahlen. Ab da schlief sie mit doppelter Kleidung. Und merkte: So geht es nicht mehr weiter. Der Sozialdienst katholischer Frauen in Ibbenbüren half.

Das Mehrparteienhaus liegt am Ende der Siedlung, irgendwo außerhalb von Ibbenbüren. „Wir können im Garten sitzen!“ ruft Elke Hülsmeyer von Weitem. Corona-gerecht halt. Auch an Desinfektionsmittel hat sie gedacht. „Das Gute an Corona ist, ich kann gar kein Geld ausgeben“, sagt sie und lacht. Unter der Maske bekommt sie schlecht Luft, „nach zehn Minuten bin ich aus jedem Laden wieder raus!“

Geld, das ist bei Elke Hülsmeyer ein Thema, über das sie erst lernen musste zu sprechen. Mit der Hilfe des Projekts „Altersarmut begegnen - Lebenswer(k)t“ des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) ist sie wieder in der Lage, sich selbst zu helfen. Bis dahin hat es fast zwei Jahre gedauert - die Erfahrung, mit drei Paar Socken und zwei Hosen zu schlafen, inklusive: Was das für ein Gefühl ist, wenn einem der Strom abgestellt wird? „Kein gutes, das ist mal sicher“, sagt Elke Hülsmeyer. Im Februar war es soweit, sie hatte die Rechnung für Strom und Gas nicht überwiesen. Die Kaffeemaschine blieb aus und eine Woche lang ging die Rentnerin mit doppelter Anzahl an Kleidung ins Bett. „Das war das erste Mal, dass ich gemerkt habe: So geht das nicht weiter“, sagt die 68-Jährige. Ihr Nachbar machte ihr eine warme Mahlzeit.

Eine Woche ohne Heizung

Nach einer Woche überwand sie sich und bat ihre jüngste Tochter und deren Partner um Hilfe. Die beiden nahmen sie mit zum SkF in Ibbenbüren, in die Schuldnerberatung. „Wir machen uns große Sorgen um die älteren Bürger, die vermehrt zu uns kommen und unsere Angebote wie die Tafel in Anspruch nehmen“, sagt Geschäftsführerin Barbara Kurlemann, die das Projekt 2015 ins Leben gerufen hat. „Altersarmut ist das Thema der Zukunft“, sagt sie. Zwischen 2005 und 2016 stieg die Quote der von Armut gefährdeten über 65-Jährigen von 9,7 auf 15,6 Prozent, und ist damit in Nordrhein-Westfalen vergleichsweise hoch. Corona könne die Lage noch verschlimmern, weil viele Nebenjobs, mit denen Rentner sich etwas dazu verdienen, wegfielen.

Das Projekt „Altersarmut begegnen - Lebenswer(k)t“ gibt es seit 2015. Es ist an die Schuldnerberatung angekoppelt: „Wie kann man ein Einkommen verbessern? Wie kann man Ausgaben senken? Das war der Grundgedanke“, sagt Melanie Haslage, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin beim SkF Ibbenbüren. Sie koordiniert das Projekt „Altersarmut begegnen“ mit einer viertel Stelle.

Das Besondere: Die eigentliche Betreuung übernehmen neun Ehrenamtlichen. Melanie Haslage stellt sie den Hilfsbedürftigen zur Seite. Da geht es um unkomplizierte Fälle, wie das Finanzieren einer neuen Brille: Eine Dame, die Grundsicherung im Alter bezieht, hat von ihrem Arzt eine Gleitsichtbrille verschrieben bekommen: „Ein Ehrenamtlicher des Projektes hat sie dann begleitet. Das Ergebnis: Unsere Klientin wurde mit zwei Brillen zu 25 Euro versorgt. Das ist das kleine abgeschlossene Projekt“, beschreibt Haslage ein Beispiel.

SkF begleitet auch ins Klageverfahren

Dann gibt es aber auch Rechtsfälle, wenn sich etwa die Kommunen weigern, Leistungen zu finanzieren, weil sie davon ausgehen, dass die Bewohner als Paar zusammenleben, obwohl es um Mitbewohner geht: „In solchen Fällen gehen wir, anwaltlich begleitet, bis ins Klageverfahren. Wir stärken den Rücken dieser Menschen, die von allein nie in die Klage gegangen wären, weil die Gemeinden auch Druck machen.“ Da helfe es, wenn Ehrenamtliche mit an Bord sind: „Ohne sie würden wir unter Umständen von solchen Hintergründen nichts erfahren“, berichtet Melanie Haslage.

In der Gruppe der Ehrenamtlichen gibt es sonst einmal im Monat ein Treffen, zum Austausch. Außerdem werden sie an acht Abenden vom SkF geschult: „Sie müssen nicht alles wissen, aber sie müssen wissen, dass sie mich fragen können.“ Die Verantwortung liegt beim SkF, betont Melanie Haslage.

„Nicht alle, die zu uns in das Projekt kommen, haben Schulden“, sagt Haslage. Häufig sind es unglückliche Zusammenhänge, die schließlich zu einer desolaten finanziellen Situation führen. Sie erzählt von einer Frau, die jahrelang keine Post geöffnet hat. Oder von der anderen Frau, deren Mann sich immer um alles gekümmert hat und die nach dessen Tod trotzdem Kredite weiter bedient werden mussten: „Altersarmut ist ein typisch weibliches Problem“, sagt Melanie Haslage.

Unterstützung bei Behördenpost

Wann Elke Hülsmeyer so richtig finanziell ins Straucheln geraten ist, kann sie gar nicht sagen. Gearbeitet habe sie immer, wenn auch unter schwierigen Bedingungen. „Mein Vater hat mich mit 14 von der Schule genommen. Ich sollte arbeiten.“ Das war damals so üblich. Elke Hülsmeier litt unter der Haltung ihres Vaters und suchte nach Freiheiten: „Ich wollte doch auch mal tanzen gehen und durfte nie.“ Sie heiratete jung, arbeitete als Näherin und bekam drei Kinder: „Dadurch habe ich zehn Jahre ausgesetzt.“ Sie bekommt 863 Euro Rente. Das Wohngeld von 77 Euro wird verrechnet mit einem Darlehen für die Energiekosten.

Immer, wenn Post von den Behörden kommt, ruft Elke Hülsmeier Aloys Robbe an. Der Versicherungskaufmann im Ruhestand geht mit ihr die Schriftstücke durch, erstellt Wochenpläne und hält Kontakt: „Ich war 40 Jahre in dem Beruf und hatte eine eigene Versicherungsagentur“, sagt Robbe. „Für mich ist es nichts Unbekanntes, wenn sich Menschen verschulden.“ Für ihn war klar, dass er im Ruhestand anderen mit seinem Wissen helfen wollte: „Ich freue mich mit, wenn Frau Hülsmeier wieder ein Stückchen klarer sieht.“

Was kann ich tun, um im Alter nicht abzurutschen?
Als armutsgefährdet gilt laut Statistischem Bundesamt, wer als Alleinstehender über ein Einkommen von maximal 13.628 Euro im Jahr verfügt. Um der Altersarmut zu entgehen, sei bei einer Vollzeitbeschäftigung mindestens ein Stundenlohn von zwölf Euro erforderlich, errechnete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Seit 1. Januar 2020 liegt der Mindestlohn in Deutschland bei 9,35 Euro.
Wichtig ist auch, dass alte Menschen überprüfen, ob sie Anspruch auf Grundsicherung nach SGB 12 haben. Aus Scham schrecken aber viele davor zurück, so die Erfahrung von Experten. Auch müssten laut DIW Anträge vereinfacht und Bürokratie abgebaut werden.
Experten raten: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung früh abschließen. Private Vorsorge treffen und Frauen sollten sich ein eigenständiges Finanzwerk aufbauen. „Der Mann ist die Altersvorsorge“, das gelte heute so nicht

Anerkennung von der Kanzlerin?
Das Projekt „Altersarmut begegnen - Lebenswer(k)t“ sollte gemeinsam mit 25 weiteren Initiativen beim bundesweiten Wettbewerb „Start Social Hilfe für Helfer“ von Schirmherrin und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin ausgezeichnet werden. Die Ehrung hat sich aufgrund von Corona verschoben. Ob das Ibbenbürener SkF-Projekt unter die ersten sieben kommt und 5000 Euro erhält, ist noch offen.
Bis zum 28. Juni allerdings können sich wieder soziale Initiativen für ein Stipendium „Start social“ bewerben. Mitmachen können alle, die soziale Probleme oder Herausforderungen mit Ehrenamtlichen anpacken. Sowohl bestehende Organisationen und Projekte als auch neue Konzepte können am Wettbewerb teilnehmen. Dieser wird unter anderem gefördert von der Deutschen Bank und der Unternehmensberatung Mc Kinsey. Alle Unterlagen unter www.startsocial.de.

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