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Diskussion über Benedikt XVI., "OutInChurch" und ein bischöfliches "Missverständnis"

Wut, Mut und ein Ruck: Synodalversammlung rauft sich zusammen

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Erneut ist in Frankfurt die Synodalversammlung des Synodalen Wegs aus Bischöfen und weiteren Geistlichen sowie Laien, Ordensleuten, Theologielehrenden und weiteren Beratern zusammengekommen. 218 von 230 Delegierten nehmen an den Beratungen teil, die bis Samstag dauern. Das Treffen begann mit einer aktuell veränderten Tagesordnung - und ganz im Zeichen der verschiedenen Beben, welche die katholische Kirche in Deutschland in den letzten Tagen erschüttert haben. Für ein weiteres Beben sorgte ein altbekannter Bischof aus Süddeutschland.

"Allen ist klar: Das Fenster wird enger." Bischof Georg Bätzing bringt ruhig und sachlich auf den Punkt, worum es bei dieser dritten Synodalversammlung des deutschen Reformprojekts der katholischen Kirche geht. Nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens, der Diskussion um Wahrheit oder Lüge in den Aussagen von Benedikt XVI. dazu, schließlich die Aktion "OutInChurch" und massiv steigende Zahlen von Kirchenaustritten sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gleich zu Beginn: "Die Krise ist keine Krise von gestern, sondern der Gegenwart. Wir sind mit allem Wissen und allen Expertisen in der Pflicht, sie nicht zur Krise der Zukunft werden zu lassen."

Bätzing spricht von einem Beben, Irme Stetter-Karp sieht die Outing-Aktion von 125 nicht-heterosexuellen kirchlichen Mitarbeitenden als einen "Meilenstein". Anders gesagt: Es haben sich weitere Abgründe aufgetan, aber es gibt die Hoffnung auf echte Reformen. Was die neue Präsidentin sowohl des Synodalen Wegs als auch des Zentralkomitees der deutschen Katholiken an Respekt und Solidarität formulierte, sorgte für Applaus. Zugleich wollte es das Präsidium nicht bei Erklärungen vom Podium belassen.

Dringend notwendige Aussprache

Schon bei der vorangegangenen Synodalversammlung vor vier Monaten am selben Ort gab es deutlichen Redebedarf jenseits der Tagesordnung. Damals hatte kurz zuvor Papst Franziskus entschieden, dass vier Erz- und Weihbischöfe in Hamburg und Köln im Amt bleiben können, obwohl sie nach Fehlern im Umgang mit Missbrauchsfällen entweder ihren Rücktritt angeboten oder ihr Schicksal in die Hände des Heiligen Vaters gelegt hatten.

Jetzt, bei der dritten Vollversammlung, gab es erneut Grund zu Wut, Frust, Empörung. Und darum sollte es auch diesmal eine Stunde Aussprache geben. Sie sollte nicht reichen.

Philippa Rath: Schluss mit der Betroffenheits-Rhetorik

Die Benediktinerin Philippa Rath aus der traditionsreichen Abtei Eibingen berichtete von einem älteren Ehepaar, das mit Tränen in den Augen vom Ausbluten ihrer kleinen Gemeinde erzählt habe, weil all ihre Freunde aus der Kirche ausgetreten seien. Die Schwester berichtete von einem Priester, der sich außer Stande sieht, im Hochgebet für Papst und Bischöfe zu beten. Ordensleute hätten sie zudem gefragt, ob sie aus der Kirche austreten und dennoch im Kloster bleiben könnten.

"Wir können es nicht mehr ertragen - diese Doppelmoral, die Wagenburgmentalität, den Verrat am Evangelium", hätten sie ihr gesagt, berichtet Schwester Philippa. "Alle warten darauf, dass die Betroffenheits-Rhetorik aufhört und unüberhörbare Signale eines Neuanfangs gesetzt werden."

Overbeck: Wir wollen einen Ruck

Ähnlich äußerte sich der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Er mahnte angesichts einer Existenzkrise der Kirche dringend: "Wir haben die Möglichkeit, hier so zu entscheiden und zu ringen, dass deutlich wird: Wir wollen einen Ruck von Aufklärung."

Michaela Labudda vom Bundesverband der Gemeindereferent:innen sagte: "Der Kessel kocht." Sie erlebe "Fatalismus, Verzweiflung, Empörung und wilde Wut." Eltern klagten, ihre Kinder wollten aus der Kirche austreten - "und ich habe keine Argumente mehr dagegen." Auch sie drängte zu konkreten Veränderungen: "Die Eisen sind längst lau, weil sie viele Menschen nicht mehr interessieren. Wenn wir sie jetzt nicht anfassen ..."

Bischöfe sollen Grundordnung sofort ändern

Welche Änderungen schon konkret zu beschließen wären, zeigte Christian Gärtner vom Diözesanrat Eichstätt. Mit Blick auf die Anerkennung auch jener Lebensformen, die nicht dem kirchlichen Ideal entsprechen, verlangte er, sich eine Zweite Lesung über die Frage der Sexualmoral zu sparen.

"Ich fordere die Bischofskonferenz auf, gleich bei ihrer nächsten Vollversammlung die Kirchliche Grundordnung so zu ändern, dass die Forderungen von OutInChurch direkt umgesetzt werden und nicht-heterosexuelle kirchliche Mitarbeitende ihren Job behalten können, auch wenn sie in einer Partnerschaft leben." Gärtner betonte, er wolle "ein Ausbluten der Kirche verhindern. Wir haben keine Zeit mehr für Kleinklein."

Gerl-Falkovitz: Benedikt XVI. war "Leuchtturm"

Einige Synodale sahen sich über die eigentlichen Themen der Synodalversammlung hinaus in der Pflicht, Benedikt XVI. vor Vorwürfen in Schutz zu nehmen. Ihm hatte das Münchner Gutachten Fehlverhalten in vier Fällen vorgeworfen. Zudem hatte er zunächst angegeben, als Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger nicht an einer bestimmten Sitzung über einen Missbrauchstäter teilgenommen zu haben, was die Gutachter gleichwohl widerlegten. Schließlich hatte Benedikt eingeräumt, es habe einen redaktionellen Fehler in seiner Äußerung gegeben.

Dorothea Schmitt von der konservativen Initiative "Maria 1.0" sagte, Ratzinger habe als Präfekt der Glaubenskongregation 555 Missbrauchstäter vom priesterlichen Dienst suspendiert. Bernhard Ledermann vom Diözesanrat des Bistums Augsburg nannte manche Äußerungen gegenüber Benedikt XVI. "infam". Auch für einen emeritierten Papst gelte die Unschuldsvermutung.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bekannte sich zu Benedikt XVI. als einem "Mann mit lauterem Herzen", als einem "Leuchtturm", der schwer unter den Verbrechen des Kindesmissbrauchs durch Kleriker gelitten habe und weiter leide. Er sei der Erste gewesen, "der ganz tief in diesen Schlamm hinuntergriff", und verdiene Achtung.

Sellmann und Hoff kontern

Dem widersprach der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellman energisch. "Ich bin entsetzt darüber, dass Sie den eine Lichtgestalt nennen, der einen Unterschied macht dazwischen, ob ein vor Kindern masturbierender Pfarrer als Privatperson oder als Priester gehandelt hat." Auf diesen Unterschied hatte Benedikt XVI. im Hinblick auf einen Missbrauchstäter in seiner persönlichen Stellungnahme zum Gutachten hingewiesen.

Auch der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff betonte: "Benedikt XVI. hat nicht nur die Unwahrheit gesagt, sondern es war für seine Anhänger von vornherein klar, dass er niemals lügen kann. Aber die Fakten sagen etwas anderes." Die Kirche schütze immer noch das System und die darin handelnden Personen.

Voderholzer irritiert mit Missbrauchs-Äußerung

Wie schon zu Beginn der Synodalversammlung im Herbst 2021 sorgte einmal mehr der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer für massive Irritationen. Er hatte sich gleich als erster Redner zum jüngsten Münchner Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) geäußert und laut Katholischer Nachrichtenagentur gesagt: "Was dabei zu kurz kommt, ist, dass 1973 die Strafrechtsreform Kindesmissbrauch nicht mehr als Verbrechen eingeschätzt hat, und zwar auf der Basis von sexualwissenschaftlichen Urteilen, die davon ausgehen, dass für die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind, als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle."

Er habe "den Eindruck, die Verantwortlichen in der Kirche haben damals eher dem Zeitgeist nachgegeben, als dass sie sich um Recht und Gerechtigkeit bemüht hätten."

Synodale verstehen Voderholzer verharmlosend 

Zahlreiche Synodale hatten dies als Verharmlosung von Missbrauch durch den Regensburger Bischof verstanden - und protestierten deutlich dagegen. Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats der Bischofskonferenz, reagierte sichtlich bewegt und warf Voderholzer Empathielosigkeit vor.

"Was die Gutachten sagen, war uns Betroffenen schon lange klar", erklärte Norpoth: "Es gab Verantwortungslosigkeit diverser Hierarchieebenen und bis heute eine unfassbare Empathielosigkeit wie gerade erst wieder in der Äußerung von Bischof Voderholzer."

Overbeck: Lehramt der Betroffenen

Essens Bischof Franz-Josef Overbeck forderte, dass "sich der Nebel lichtet. Dazu gehört es, das Lehramt der Betroffenen wahrzunehmen und ihr Leid nicht zu verharmlosen." Pfarrer Werner Otto aus Limburg sagte, es erfülle ihn "mit Scham, wenn ich schon wieder Verharmlosung von Vertuschung und Missbrauch wie durch Bischof Voderholzer hören muss."

Der Münsteraner Theologe Thomas Söding, Vizepräsident des Synodalen Wegs, sagte: "Wir erwarten, dass diejenigen, die den juristischen Spiegel vorgehalten bekommen, nicht in den Gestus der Selbstrechtfertigung geraten. Das ist eine Katastrophe von Anfang an."

Gregor Podschun, Bundesvorsitzender des BDKJ, bekannte nach Voderholzers Äußerungen: "Mir ist übel und ich kämpfe mit den Tränen. Wir hören eine Leugnung von Fakten. Das ist menschenfeindlich und stützt dieses System." Die Kirche müsse aufhören, "Menschen Leid zuzufügen und ihnen ihre Identität abzusprechen."

"Sie sind immer sehr nah am Missverständnis"

Erst zum Ende der Rednerliste hatte Voderholzer noch einmal Gelegenheit, sich zu äußern und beklagt, er werde "mit einer Position identifiziert, die das Gegenteil von dem sagt, was ich sagen wollte." Ihm sei es in Wahrheit um die Distanzierung von der Verharmlosung des Missbrauchs in den 1970er Jahren gegangen.

Tim-Oliver Kurzbach vom Diözesanrat im Erzbistum Köln mahnte Voderholzer: "Sie sind immer sehr eng an dem, was man missverstehen kann. Eine Wahrheit anzuerkennen, ist kein Zeichen von Verrat, sondern eine Möglichkeit, eine Lösung zu finden."

Und auch das Präsidium des Synodalen Wegs äußerte sich zur Erklärung des Regensburger Bischofs: "Ich bin froh, dass Sie versucht haben, Ihre Intention zu klären", sagte Irme Stetter-Karp. "Wir waren uns vorher im Präsidium einig in dem Eindruck, dass, wenn Sie das nicht getan hätten, wir Ihre Äußerung als eine Grenzverletzung dessen bewertet hätten, wie wir hier mit den Betroffenen umgehen wollen."

So geht es weiter

Auf dem Tisch liegen 13 Papiere zu den vier zentralen Themen des Synodalen Wegs - Sexualmoral, Rolle der Frauen, priesterliches Leben und Macht. Das Präsidium zeigte sich vor Beginn des Treffens zuversichtlich, dass die Papiere die notwendige doppelte Zweidrittel-Mehrheit finden - unter den Delegierten und unter den anwesenden Bischöfen.

Zu den Forderungen gehören der Ruf nach Mitbestimmung der Laien bei der Bestellung neuer Bischöfe, nach Lockerungen bei der verpflichtenden Ehelosigkeit von Priestern und nach der Zulassung von Frauen zum Diakonat.

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