Andreas Schneider produziert Musikvideo gegen Pflegenotstand

Corona - Warum ein Intensivpfleger jetzt auf Youtube rappt

  • Intensivpfleger Andreas Schneider aus Bremen hat ein professionell gemachtes Musikvideo mit dem Titel „Keine Pause“ produziert.
  • Der aus Lastrup (Kreis Cloppenburg) stammende 38-Jährige fordert darin mehr Geld, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für sich und seine Kolleginnen und Kollegen
  • In seinem Alltag im Dienst des Klinikverbunds Bremen erlebt er am eigenen Leib die hohen Anforderungen durch die Corona-Krise.
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Die Pandemie hat alles noch verschärft. „Am vorletzten Wochenende haben wir drei Corona-Patienten bekommen,  zwei bestätigte Fälle und ein Verdachtsfall. Wir waren normal besetzt, und es hat alles durcheinandergebracht.“

Andreas Schneider hat die Lage auf der Intensivstation noch genau vor Augen. Die Schläuche, den Zeitdruck, das Piepsen der Monitore, schwerkranke Patienten. Auch, wie einer von ihnen beatmet werden musste, wie seine Niere aussetzte und wie die Pfleger ins Rotieren kamen. „Teilweise brauchten wir pro Patient eine Pflegekraft. Das schafft man einfach nicht, wenn nebenbei noch andere versorgt werden müssen“.

Mehr als 12.000 Klicks fürs Video

Auch solche Momente hat der Intensivpfleger aus Bremen in einem Musikvideo verarbeitet, das im Internet bis Anfang November mehr als 12.000 Mal geklickt wurde. „Keine Pause“ lautet der Titel des etwas mehr als zwei Minuten langen Stücks. Andreas Schneider, der darin selber singt, hat es mit Profimusikern in Hamburg entwickelt und aufgenommen. Die Videoszenen entstanden in der Umkleidekabine eines Fitnessstudios.

Er wolle damit in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für die schwierige Lage in deutschen Krankenhäusern schaffen, sagt Andreas Schneider. „Wir sind für euch da, lasst uns jetzt nicht allein“, lautet eine der Liedzeilen des als Rap gesungenen Stücks. Eine andere heißt: „Keine Pause, nass vom eigenen Schweiß, das ist unser Job hier. Und wir zahlen den Preis.“

Stundenlanges Schwitzen im Isolier-Anzug

Das mit dem eigenen Schweiß meint Schneider durchaus wörtlich. Denn gerade in der Corona-Zeit müssen er und seine Kollegen oft stundenlang Plastik-Isolieranzüge tragen und dazu zwei Masken übereinander. Tagsüber steckt er fast acht und beim Nachtdienst fast neun Stunden darin, in Notfällen manchmal auch ohne Pause. Danach steht ihm oft der Schweiß in den Schuhen.

„Einmal habe ich vergessen, zwischendurch genug zu trinken, da sind mir komplett die Beine weggesackt.“ Dabei bringt er als Kraftsportler eine ziemlich robuste Kondition mit. Sechsmal die Woche geht er trainieren. Das hilft dem 1,84-Meter-Mann nicht nur, nach einem anstrengenden Tag Stress abzubauen, sondern auch bei seinem manchmal knochenharten Job im Krankenhaus.

Patienten werden immer schwerer

Andras Schneider bei der Aufnahme seines SongsGemeinsam mit Songwriterin Eva Keretic und Produzent Fontaine Burnett des Projekts „Jamplan“ hat Andreas Schneider seinen Song „Keine Pause“ in Hamburg aufgenommen, das auf YouTube zu sehen ist. | Foto: Privat

„Die Menschen werden ja immer schwerer. Wir haben kaum noch Patienten, die unter 100 Kilo wiegen.“ Viele von ihnen müssen regelmäßig umgelagert werden. „Weil Menschen keine Griffe haben, ist das körperlich sehr anstrengend.“ Besonders für ältere Kolleginnen und Kollegen. Für die wünscht er sich deshalb bessere Möglichkeiten für Altersteilzeit.

Seit 16 Jahren arbeitet Schneider beim Klinikverbund Bremen. „Ich habe früh gespürt: Die soziale Ader ist ziemlich ausgeprägt bei mir“, sagt der 38-Jährige, der in der Hansestadt wohnt und in seinem oldenburgischen Heimatort Lastrup Messdiener-Gruppenleiter war. Krankenpflege wurde für ihn zum Traumberuf, sagt er. Dienst im Krankenhaus, so wie seine Schwester, die damals als Kinderkrankenschwester arbeitete.

Eine Tafel Schokolade pro Schicht

Deshalb half Andreas Schneider schon als Jugendlicher alle zwei Wochen sonntags auf den Stationen der St.-Anna-Klinik im benachbarten Löningen in der Versorgung der Patienten mit. Eine Tafel Schokolade pro Schicht gab es dafür als Belohnung. Später leistete er seinen Zivildienst beim Rettungsdienst des Roten Kreuzes in Cloppenburg.

Auch nach 16 Jahren begeistert ihn sein Beruf immer noch. Zum Beispiel, wenn er sieht, wie Patienten Fortschritte machen und wieder gesund werden. Wie der Mann, der mit einer Corona-Infektion anderthalb Wochen im künstlichen Koma lag. „Er muss jetzt seit ein paar Tagen nicht mehr beatmet werden, ist wieder bei Verstand“, sagt Andreas Schneider lächelnd.

So etwas zu erleben, die Freude, die Erleichterung – das ist es, was ihn reizt. „Das ist mehr wert als Geld, weil einem dabei das Herz aufgeht. Das sind Momente, in denen ich spüre: Unser Einsatz lohnt sich.“

Auch als Seelsorger gefragt

Nicht immer nimmt es ein so gutes Ende. Zu Schneiders Berufsalltag gehören auch Scheitern und Schicksalsschläge. Etwa, wenn junge Menschen plötzlich sterben. Dann muss er auch geduldiger Zuhörer sein, in Gesprächen mit besorgten Angehörigen. Dann muss er sich auch mal die Zeit nehmen, die er eigentlich nicht hat. „Da ist man als Seelsorger gefragt, weil das Menschen in dieser Situation hilft.“

Dabei ist er vor kurzem aus der Kirche ausgetreten. Andreas Schneider nennt eine schwierige finanzielle Situation, in der er nach der Trennung von seiner Frau gesteckt habe, als Grund. „Ich glaube aber weiter an Gott“, betont er und beteuert nachdrücklich, dass er der Kirche auf keinen Fall endgültig den Rücken gekehrt habe. Im Gegenteil, er denkt darüber nach, irgendwann wieder einzutreten.

Aus Klatschen hat er sich wenig gemacht

Trotz aller Schwierigkeiten, trotz Überlastung und Stress – Schneider liebt seinen Beruf. Er zählt nicht zu denen, die sich schnell beklagen. Aber mit der Zeit und gerade jetzt während der Pandemie zeigt sich für ihn deutlich: Es läuft etwas schief im Gesundheitswesen. Für Menschen wie ihn wurde zu Beginn der Pandemie von Balkonen geklatscht. Gemacht hat sich der Pfleger nie viel daraus. Wichtiger sind ihm Taten wie die soeben verabredete Bonuszahlung und die Gehaltserhöhung.

Andreas Schneider stehen danach 400 Euro zu, dazu bis zu zehn Prozent mehr im Monat. „Das ist ein sehr guter Schritt nach vorne“, sagt er und bleibt bescheiden. „Natürlich geht immer mehr. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen, auch aus Respekt vor anderen Branchen, die in der jetzigen Zeit vor ganz anderen Problemen stehen.

Viele haben den Beruf schon geschmissen

Geld ist das eine, das andere sind die Arbeitsbedingungen: Altersteilzeit, andere Personalschlüssel, mehr Schutzkleidung und Coronatests für Pflegerinnen und Pfleger. Auch darum geht es in seinem Video. Er könnte schließlich auch aufhören und sich etwas anderes suchen. Sehr viele seiner Kollegen hätten genau das schon gemacht, sagt er. „Weil sie nicht bereit sind, unter den schwierigen Arbeitsbelastungen weiter zu arbeiten.“

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