Benediktinerabtei Gerleve bietet Seminar an – und ist sofort ausgebucht

Was suchen Menschen trotz Kirchenaustritt im Kloster, Abt Andreas?

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Die nackten Zahlen erschrecken. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, das werden die offiziellen Zahlen zeigen, die in dieser Woche veröffentlicht werden. Aber hinter diesen Zahlen stecken einzelne Menschen. Die sich ihren Schritt oft gut überlegt haben. Vor allem, wenn sie eine Heimat in der Kirche hatten. Kirche-und-Leben.de lässt ausgetretene Menschen zu Wort kommen und stellt ein Projekt vor, mit dem die Abtei Gerleve auf sie zugeht. Heute: Abt Andreas Werner OSB von der Benediktinerabtei Gerleve, wo im November erstmals ein Kursus für Menschen angeboten wird, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Abt Andreas, warum sollten Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, in ein Kloster kommen wollen, um über ihren Austritt zu sprechen?

Ich glaube, dass viele von ihnen immer noch ganz wach interessiert sind am Glauben und tiefe und ehrliche spirituelle Fragen haben. Zum einen aber können sie diese Fragen in den Gemeinden nicht mehr stellen, weil sie keine Ansprechpartner finden. Zum anderen sind sie abgeschreckt von der Kirche und erwarten dort keine Antworten mehr. Aber sie suchen: Wo können wir mit unserem Glauben, den wir in dieser Institution mit so viel Schuld nicht mehr leben können, ankommen – am besten mit anderen Menschen in einer Gemeinschaft. Womöglich können Klöster solche Orte sein.

Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Einladung gekommen?

Die vielen Austritte sind ja allgegenwärtig. Es bewegt mich sehr und tut mir weh, wie viele Menschen sich in letzter Zeit für diesen Schritt entschieden haben. Das betrifft mich auch ganz persönlich, denn ich habe beinahe per Zufall erfahren, dass sämtliche meiner vier Geschwister inzwischen aus der Kirche ausgetreten sind.

Wollen Sie die Teilnehmenden so wieder zurückgewinnen für die Kirche?

Dann würde ich völlig falsch verstanden werden. Mir geht es darum, dass sie einen Ort für sich finden. Vielleicht gelingt es, dass die Teilnehmenden unseres Seminars sich selber als eine Glaubensgemeinschaft erfahren, auch wenn sie nicht kirchlich eingebunden ist. Vielleicht finden sie in Gerleve auch eine geistliche Heimat. Wir sind von Grund auf eine gastfreundliche Gemeinschaft. Jeder und jede soll sich bei uns willkommen fühlen.

Was erwartet die Teilnehmenden Ihres Seminars?

Das Wichtigste wird für mich sein zuzuhören – ihrer Klage und ihrer Wut, aber auch ihrer Trauer darüber, was sie verloren haben, wozu sie einfach nicht mehr gehören können. Das braucht gerade zu Beginn einen Raum. Vielleicht – ich sage das ganz vorsichtig – vielleicht kann es am Ende eine Form geben, in der wir all dies aufgehoben sein lassen können, in der vor allem unser gemeinsamer Glaube an Gott, unsere gemeinsame Verbundenheit mit Jesus gefeiert werden können.

Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Ich spreche mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Und manche sprechen auch mit mir – zum Beispiel im Anschluss an die Sonntagsmesse unserer Gemeinschaft. Gerade an Pfingsten ist das wieder sehr eindrücklich geschehen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sprechen Sie auch mit ihren ausgetretenen Geschwistern darüber?

Nein, das wohl nicht. Ich nehme an, dass daran einfach kein Interesse besteht. Umso mehr bin ich gespannt, was die Seminar-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer mir zu sagen haben.

Zur Person
Andreas Werner OSB wurde 1951 in Düsseldorf geboren und wuchs in Neuss auf. Nach dem Abitur und einem Studium der Archäologie und Kunstgeschichte in Hamburg und Bonn trat er 1975 in Gerleve ein. Die Abtei sandte ihn zum Studium von Philosophie und Theologie nach Salzburg und Rom. 1981 erhielt er die Priesterweihe. Der erfahrene Seelsorger leitete von 2016 bis 2019 als Prior-Administrator die Abtei Maria Laach in der Eifel. Zuletzt war er in der Abtei Gerleve für die Verwaltung der Finanzen zuständig. Am 15. August 2020 wählte ihn der Konvent zum sechsten Abt von Gerleve.

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