Der Reporter-Blog vom Weltjugendtag aus Portugal

WJT 2023 (#10): Adeus de Portugal - unser Fazit aus Lissabon

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Mehrere hunderttausend junge Leute aus aller Herren Länder feierten vom 1. bis 6. August in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon den katholischen Weltjugendtag. Am Wochenende beging der Papst mit den Teilnehmenden eine Vigil und eine Abschlussmesse – auch mit den rund 8.000 Teilnehmenden aus Deutschland, darunter 200 aus dem Bistum Münster. Mittendrin: Paul Hintzke und Jan Dirk Wiewelhove von „Kirche-und-Leben.de“. In ihrem WJT-Blog erzählen sie von ihren Erlebnissen – auch abseits der großen Ereignisse.

6. August 2023, Sonntag – Von Paul Hintzke und Jan Dirk Wiewelhove, Lissabon

Pauls Fazit: Große Gastfreundschaft und große Kontroverse

Mein erster Weltjugendtag geht zu Ende! Ein wirklich tolles Erlebnis, so viele junge Menschen feiernd auf den Straßen Lissabons zu sehen. Besonders in Erinnerung bleiben mir die Tage der Begegnung in der Diözese Vila Real. Die Menschen, unsere Gastfamilie: Das hat einfach alles gepasst. Nirgendwo anders habe ich bislang so eine große Gastfreundschaft erlebt. Auch hatte das Dorf, in dem wir untergebracht waren, einen ganz besonderen Charme. Ich habe gelernt, dass Menschen ihren Glauben in Teilen der Welt, wie in Portugal, ganz anders leben. Frommer, intensiver, aber eben auch gemeinschaftlicher.

Gerade den letzten Punkt finde ich spannend. Nach den Messen blieben die Gemeindemitglieder noch lange, um miteinander zu essen und sich zu unterhalten. Das sollte es in Deutschland auch öfter geben.

Bei all dem Schönen ist auch Kritik angebracht

In Lissabon habe ich das deutsche Pilgerzentrum als einen sehr gemeinschaftlichen Ort wahrgenommen. Dort wurde sich zwar nicht auf internationaler Ebene ausgetauscht, aber dafür auf deutscher. Und da gibt es schließlich auch genug zu besprechen. Ein ganz großer Punkt: Wie soll die katholische Kirche in Deutschland in Zukunft aussehen? So wie ich es wahrgenommen habe, trafen im Pilgerzentrum sehr unterschiedliche Gruppen aufeinander. Traditionalisten gegen Reformer beispielsweise. Es wurde kontrovers diskutiert – aber respektvoll.  

Gleichzeitig gibt es Berichte, dass das nicht immer so war. Und das sollte bei all den schönen Erlebnissen auf dem Weltjugendtag nicht unerwähnt bleiben. Beispielsweise eine Mundkommunion, die Teilnehmer aus dem Bistum Münster ausdrücklich nicht wollten und Auseinandersetzungen mit Menschen, die eine Regenbogenflagge bei sich trugen. Das sind Grenzverletzungen. 

Den letzten Tag heute werden Jan und ich gegen späten Nachmittag mit Sightseeing in Lissabon verbringen. Das, was ich schon von dieser Stadt gesehen habe, hat mich begeistert. Die vielen kleinen Gassen in der hügeligen Innenstadt und die Aussichten über den Dächern Lissabons sind beeindruckend. Nach Lissabon werde ich auf jeden Fall nochmal reisen. Ob ich auch zum nächsten Weltjugendtag komme? Eher nicht – das liegt auch daran, dass Seoul ein weit entferntes Reiseziel ist. (phi)

Jans Fazit: Ein Fest, das Freude bereitet hat und nachdenklich macht

Was bleibt vom Weltjugendtag hängen? Insbesondere, wenn es um die Tage der Begegnung geht, springe ich Paul zur Seite. Unsere Gastfamilie, die immer für uns da war und uns ihr Dorf und die Umgebung nähergebracht hat, und die Pfarrei, die große Feste für uns organisiert hat, werden mir positiv in Erinnerung bleiben. Dazu tritt die große Marienfrömmigkeit, die mir in dieser Intensität zwar fremd war, mir aber auch zeigte, wie bereichernd es sein, die Vielfalt des katholischen Glaubens erleben zu dürfen.

Ebenfalls für mich prägend sind die Großveranstaltungen eines Weltjugendtages. Genau dieses Gefühl, das mich seit Köln 2005 bereits trägt, dass wir in Deutschland als Christen nicht allein sind, die für den Glauben eintreten. Als ich den Blick über den Tejo-Park schweifen ließ, wurde mir genau das nochmal bewusst. Es lohnt sich, den Glauben zu bewahren und zu leben, dies höre ich in diesen Tagen von Franzosen, Mexikanern, Spaniern und natürlich auch von vielen Deutschen.

Ungewisse Zukunft der Kirche

Was jedoch auch von Lissabon 2023 hängen bleibt, ist die Frage nach der Zukunft der Kirche. In Deutschland kann man den Eindruck bekommen, dass der Synodale Weg Schwung in die Debatte gebracht hat. Obwohl es immer wieder herbe Rückschläge gibt, sind bei vielen Menschen, Laien und Geistlichen, nun Hoffnungen geweckt worden, dass es Fortschritte geben könnte. Die weltkirchliche Situation, wie sie in Portugal zu beobachten war, stellt sich allerdings anders dar.

Bei den zentralen Gottesdiensten in Lissabon folgt auf die Bühne zunächst ein großer Bereich für die tausenden von Priestern, erst dann schließen sich erste Jugendliche an, die den Papst mit bloßem Auge nur noch schwer erkennen können. Wann wird dieses klerikal-hierarchische Denken endlich überwunden? Will das eine Mehrheit der hier vertretenen Katholiken überhaupt? Ich bin mir nicht sicher.

Jeder wird von Gott geliebt

Auch unter den deutschsprachigen Teilnehmenden finden sich kontroverse Ansichten. Das ist auch gut so und fördert die Debatte. Was allerdings nicht verhandelbar ist, ist die Feststellung von Papst Franziskus, dass jede Person ein Sohn, eine Tochter oder ein Kind Gottes ist und geliebt wird. Allein dieser leicht verständliche und eindringliche Grundsatz scheint nicht bei allen angekommen zu sein. Abgrenzung, durch Kleidung oder Worte, ist hier immer wieder sichtbar geworden. Das kann doch nicht sein.

Versöhnlich stimmt mich am Schluss der Aufruf des Papstes, die Freude am Glauben immer wieder neu zu entdecken und weiterzutragen. Das sollten wir uns zu Herzen nehmen, dann, so glaube ich fest, kann die Zukunft der Kirche gelingen. Auf Wiedersehen – Adeus de Portugal! (jdw)

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