Stefan Kliesch vom Landes-Caritasverband Oldenburg zur Debatte um neues Sterbehilfe-Gesetz

Ethik-Experte: Sterbebegleitung nimmt Suizidwunsch

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Es gehört zu den schwierigen Aufgaben der Politik: den vom Bundesverfassungsgericht 2020 geforderten gesetzlichen Rahmen für die assistierte Beihilfe zum Suizid zu schaffen. Egal, wie das Gesetz am Ende ausfällt - es wird medizinisches und Pflegepersonal in Heimen und Krankenhäusern neu herausfordern. Stefan Kliesch, Theologe und Ethikfachmann beim oldenburgischen Landes-Caritasverband, bereitet katholische Einrichtungen im Oldenburger Land darauf vor - und zieht eine klare Grenze.

Herr Kliesch, was wird Ihrer Meinung nach passieren, wenn das Gesetz zum Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende erst einmal verabschiedet ist?

Wenn der gesetzliche Rahmen geschaffen ist, wird es sicher auch in Deutschland deutlich mehr Menschen geben, die eine Selbsttötung für sich in Betracht ziehen. Das zeigen etwa Zahlen aus dem US-Bundesstaat Oregon, wo Sterbehilfe 2007 unter bestimmten Bedingungen erlaubt wurde. Hochgerechnet auf 80 Millionen Deutsche können wir deutschlandweit von etwa 3.000 Fällen im Jahr ausgehen.

Was hilft Menschen, wenn das Leben - etwa durch eine schwere Erkrankung - nicht mehr als lebenswert erlebt wird?

In diesem Spannungsfeld benötigen Menschen Begleitung. Und in unseren Einrichtungen der Caritas ist es immer eine Begleitung dahin, dass Sterben Teil des menschlichen Lebens ist und dass der Mensch nicht das Recht hat, selber Hand an sich zu legen. Wir tun also etwas gegen die Schmerzen, begleiten sie und zeigen ihnen mögliche Wege auf.

Woran erkennen Sie, ob das gelingt?

Das zeigen uns die Zahlen. Es ist eine Erfolgsgeschichte der Hospizhilfe, dass der Wunsch nach Selbsttötung bei bester Begleitung und palliativer Behandlung gegen Null geht. Weil die Menschen in der Begleitung erfahren: Es ist erträglich, weil es so viel an Hilfen, Gesprächen und Ritualen gibt, die mir die letzten Tage und Stunden erleichtern. Dann sagen ganz, ganz viele, dass sie ihr Sterben und den Tod auch annehmen können.

Ältere und kranke Menschen beklagen bisweilen, ihnen werde das Leben zu beschwerlich. Sind das schon Signale für einen Suizidwunsch?

Nein. Sätze wie „Ich will nicht mehr“ oder „Ich kann nicht mehr“ oder „Hat Gott mich denn ganz vergessen?“ bewerten Fachleute heute eher als Zeichen für eine Art Suchbewegung, die bei fast allen Menschen vorkommt, wenn das Sterben näherkommt. Menschen setzen sich auf diese Weise damit auseinander, dass sie älter und schwächer werden. Es ist aber noch kein echter, vergewisserter, dauerhafter und frei verantwortlicher Wille: Ich möchte mich selbst töten.

Es scheint also schwierig, den genauen Wunsch eines Menschen in dieser Frage sicher festzustellen.

Ja, und das erleben wir auch bei vorliegenden Patientenverfügungen. Etwa wenn es darum geht, ob auf eine lebensverlängernde Behandlung verzichtet wird, weil der Patient es im Vorhinein so bestimmt hat. Normalerweise wird zwar auch danach gehandelt. Aber es gibt Grenzsituationen, in denen man prüfen muss: Ist der im Voraus verfügte Wille noch identisch mit dem, was der Patient zum gegenwärtigen Zeitpunkt und in der aktuellen Situation will? Zum Beispiel, wenn er sich nach einer schriftlichen Verfügung in der Weise geäußert hat, dass er sich nicht mehr so sicher ist mit seiner Voraus-Entscheidung. Das kann das medizinische und das Pflegepersonal in schwierige Situationen bringen.

Gehen Sie davon aus, dass mit neuen gesetzlichen Möglichkeiten auch Menschen in kirchlichen Einrichtungen den Wunsch nach Selbsttötung äußern werden?

Stefan Kliesch.	| Foto: Michael Rottmann
Stefan Kliesch. | Foto: Michael Rottmann

Ja, die Frage nach der Möglichkeit eines ärztlich assistierten Suizids wird auch in unseren Einrichtungen mehr Raum einnehmen. Und zwar in einer Lebensphase vor einem Sterbeprozess. Dass dann jemand deutlich sagt, dass er oder sie jetzt sterben will. Wir hatten so einen Fall in den Caritas-Einrichtungen her bei uns im Oldenburger Land bisher zwar noch nicht. Aber bei den künftig zu erwartenden rund 3.000 Fällen in Deutschland wird das auch bei uns kommen.

Das wird die Mitarbeitenden noch einmal neu herausfordern.

Genau darauf bereiten wir uns vor. Zum Beispiel, indem wir in Fort- und Weiterbildungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen. Wir wollen ihnen helfen, für die Herausforderung und Gespräche gerüstet zu sein und klar vermitteln zu können, dass das Sterben zum menschlichen Leben gehört und wir alles tun, dabei zu begleiten. Ohne darüber zu urteilen oder gar zu verurteilen, was andere machen. Aber: Wo Caritas draufsteht, da muss auch Caritas drin sein. Wir sind für alle da, aber wir tun nicht alles für alle. Das ist die Grenze.

Manche Menschen befürchten, die Legalisierung setze Menschen unter Druck, diesen Weg zu gehen. Teilen Sie diese Sorge?

Es ist abzusehen, dass assistierter Suizid mit einer neuen gesetzlichen Grundlage eine neue Selbstverständlichkeit bekommen wird, und dass dies Menschen unter Druck setzen wird. Wenn es erlaubt und legalisiert ist, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch Gespräche geben, in denen Kranken der Weg der Selbsttötung empfohlen wird. Etwa so: „Wenn das Leben für sich nur noch eine Last ist, Mama – du musst das ja nicht.“ Und man legt ihr einen Flyer mit den Möglichkeiten für einen assistierten Suizid hin. Eine Tötungshandlung kann für uns keine neue Normalität werden.

Zur Person
Der Diplom-Theologe Stefan Kliesch war 20 Jahre lang selbständiger Ethikberater für kirchliche Einrichtungen. Seit fünf Jahren ist er beim oldenburgischen Landes-Caritasverband zuständig für die Bereiche Profilbildung, Ethik und Spiritualität. Unter anderem ist er in der ethischen Fort- und Weiterbildung von Klinikpersonal tätig.

Haben Sie Suizidgedanken? Hier gibt es Hilfe
Menschen mit Suizidgedanken können sich an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist unter den Rufnummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 täglich rund um die Uhr erreichbar. Sie berät kostenfrei und anonym. Der Anruf findet sich weder auf der Telefonrechnung noch in der Übersicht der Telefonverbindungen wieder. Es gibt auch eine E-Mail-Beratung. Der Mailverkehr läuft über die Internetseite der Telefonseelsorge und ist daher nicht in Ihren digitalen Postfächern zu finden. Hier geht es zur Telefonseelsorge.