Kommt das Geld überhaupt an? Warum gibt es nicht nur ein Hilfswerk?

Sieben Vorurteile über die katholischen Hilfswerke

Die Hilfswerke sind ein wichtiger Teil der katholischen Kirche in Deutschland, sie bitten traditionell zu festen Zeiten um Spenden: Misereor zum Beispiel in der Fastenzeit, Adveniat im Advent und in den Gottesdiensten an Weihnachten. Aber: Es wäre doch viel effektiver, wenn es nur ein Hilfswerk gäbe! Dann flösse auch nicht so viel Geld in Verwaltung! Außerdem machen die Hilfswerke doch alle Politik - deutsche Bischöfe entscheiden, was gefördert wird! Oder nicht? Wir haben nachgefragt bei Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel.

1. Die katholischen deutschen Hilfswerke sind auch in Regionen ohne ausgebaute Infrastruktur tätig. Viele Spendengelder kommen also gar nicht dort an, wo sie sollen.

Der Zusammenhang zwischen fehlender staatlicher Infrastruktur und einem Nicht-Ankommen von Spendengeldern erschließt sich mir nicht. Es gibt oft eine kirchliche und zivilgesellschaftliche Infrastruktur dort, wo eine staatliche fehlt.

Die Werke arbeiten in der Regel mit ansässigen Partnerorganisationen zusammen. Diese stellen bei uns detaillierte Anträge, um für ihre Projekte Gelder aus Spenden zu erhalten. Über die Projekte sind dann unsere regionalen Experten im ständigen Austausch mit den Partnern vor Ort. So werden Projekte mit den zur Verfügung gestellten Spenden und Finanzmitteln erst nach sorgfältiger Überprüfung des Vorhabens unterstützt.

Ob ein Projekt erfolgreich verläuft, wird zudem regelmäßig durch externe Evaluationen überprüft. Wichtig ist: Spenden fließen grundsätzlich nicht in staatliche Institutionen, sondern an lokale Partnerorganisationen aus der Zivilgesellschaft, oftmals aus dem kirchlichen Bereich.

2. Ein erheblicher Teil der Spendengelder fließt in die Verwaltung.

Der Anteil der Ausgaben für Verwaltung und Werbung ist bei allen Werken vergleichsweise niedrig bis sehr niedrig. Bei Misereor lag er 2018 bei sechs Prozent. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) bestätigt dies jährlich mit einem Spendensiegel für einen verantwortungsbewussten, sparsamen und wirtschaftlichen Umgang mit den anvertrauten Geldern.

Klar ist: Professionelle Entwicklungszusammenarbeit braucht professionelle Strukturen und Personal. Von der korrekten Verbuchung der Spenden über eine fachgerechte Prüfung der Auszahlungen und der möglichst wirksamen Verwendung der Projektmittel gewährleisten engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den sparsamen und professionellen Umgang mit den anvertrauten Mitteln. Angemessene Werbe- und Verwaltungskosten sind für eine gute Arbeit unabdingbar.

3. Hilfswerke bekommen Zuschüsse aus Kirchensteuermitteln oder sogar vom Bundesentwicklungsministerium. Die Werke sind der verlängerte Arm von Bischöfen und Politik.

Es ist richtig, dass die Werke Zuschüsse der Kirche und vom Entwicklungsministerium bekommen. Letzteres macht uns bei Misereor nur eine Vorgabe: Die zur Verfügung gestellten Mittel aus Steuergeldern dürfen nicht für Glaubensverkündigung eingesetzt werden.

Die Projekte werden in Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern ausgearbeitet und fördern lokale Ideen und Eigeninitiativen. Die Menschen in den Projektländern wissen in aller Regel selbst am besten, welche Förderung für sie die wirksamste ist. Entsprechend sollen sie über Lösungswege für Probleme entscheiden oder mitentscheiden.

Die Mittel aus der Kirchensteuer sind ein wichtiges Zeichen. Armutsbekämpfung ist ein Grundanliegen christlichen Handelns und der Kirche. Dafür stellt sie pfarr-, diözesan- und landes­übergreifend über die Hilfswerke Gelder zur Verfügung.

4. Die deutschen Hilfswerks-Mitarbeiter bestimmen, wo die Gelder vor Ort eingesetzt werden.

Pirmin Spiegel ist Priester des Bistums Speyer und Hauptgeschäftsführer des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor in Aachen.Pirmin Spiegel ist Priester des Bistums Speyer und Hauptgeschäftsführer des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor in Aachen.

Bei den Werken gibt es Analysen der größten Herausforderungen und Bedarfe. Bei der konkreten Projektförderung wird nach dem Antragsprinzip gearbeitet. Bei Misereor in Aachen überlegen wir nicht, was Menschen in Nepal, Haiti oder Kenia brauchen könnten. Wir erhalten Anträge von lokalen Partnerorganisationen, die Leben und Potenziale vor Ort kennen. Wir arbeiten dann im stetigen Austausch mit unseren Partnern den Projektrahmen aus, die Zielsetzungen, Finanzierung und Überprüfung.

5. Hilfswerke missionieren.

Aus der Perspektive der Werke ist der Ausgangspunkt unser Beitrag zu gelingendem Leben. Die verbindenden Elemente sind dabei die allen Menschen zukommende Würde und ihre unveräußerlichen Menschenrechte – unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache oder Religion. Es geht darum, gute Beispiele für ein Zusammenleben zu geben, persönlich wie strukturell – im besonderen Einsatz für arm gemachte Menschen und für eine intakte Natur. In diesem Sinne versucht nicht nur Misereor, Zeugnis unserer Hoffnung in einer multireligiösen und vielfarbigen Welt abzulegen. Es geht nicht um ein „Anwerben von Gläubigen“ oder Zwänge, sei es in Dingen des Glaubens oder im Verständnis von „richtigen“ Entwicklungskonzepten.

6. Gerade in der Entwicklungszusammenarbeit lassen sich die Hilfswerke vor einen politisch linken und grünen Karren spannen.

Kirche und Glaube sind parteiisch und in diesem Sinn politisch: an der Seite der Armgemachten, der unter die Räuber Geratenen und Verletzten, für Menschen in Not und für ein gutes Leben für alle. Die Perspektive ist die des Am-Rande-Liegenden in der Erzählung vom barmherzigen Samariter. Der Überfallene steht im ­­Zentrum.

Entwicklungszusammenarbeit hat mit Politik zu tun, und in die mischen wir uns ein. Wir machen uns damit nicht mit Parteiprogrammen in Deutschland oder anderswo gemein. Wir betrachten Themen wie Landwirtschaft, Klima- oder Handelspolitik aus der Perspektive der armen Menschen in den Ländern, in denen wir mit unseren Partnerorganisationen zusammenarbeiten. Wenn wir Vereine oder Bewegungen unterstützen, geschieht das aus der Motivation heraus, eine größere Gerechtigkeit zu erreichen: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.“

7. Misereor, Adveniat, Renovabis, Missio – da blickt ja niemand durch. Es wäre viel effektiver, wenn es ein Hilfswerk für alles gäbe. Ein gemeinsames Jahresthema gibt es ja in diesem Jahr erstmals.

Die katholischen Hilfswerke haben umfangreiche und unterschiedliche Aufgaben, ob in Katastrophensituationen oder speziell für Kinder, Bedürftige in Osteu­ropa oder Entwicklungsarbeit auf unterschiedlichen Kontinenten. Dieses Tätigkeitsspektrum lässt sich als komplementär verstehen, auch wenn Schnittmengen der Arbeit zunehmen.

Zugleich spüren wir in der Kirche Umbruchsituationen. Die Gruppen derer, die sich in jedem Jahr mit neuen Aktionen und Kampagnen der Werke befassen, werden dadurch nicht größer. Daher soll ein gemeinsames Jahresthema die Engagierten in den Gemeinden entlasten und dennoch wichtige Anliegen der Werke in das Pfarreileben integrieren. Am Ende werden wir sorgfältig auswerten, ob und wie das für die Pfarreien und Unterstützergruppen hilfreich gewesen ist.